Warum ein Agent eine Personalakte bekommt
Bedarf, Interview, Akte, Assessment, Probezeit. Wir haben den kompletten Personalprozess auf eine Belegschaft aus KI-Agenten übertragen — und der Teil, der am meisten nach Deko aussieht, ist der nüchternste.
Jeder unserer Kollegen hat eine Akte. Darin steht: die Mission in einem Satz, Aufgaben, Kennzahlen, ausdrückliche Grenzen, das eingesetzte Modell, das Ersatzmodell, das Budget, der Aktivierungstag — und ein Persönlichkeitsprofil.
Wenn ich das erzähle, kommt an dieser Stelle meistens ein höfliches Schweigen. Also erkläre ich, was jedes dieser Felder tatsächlich tut.
Der Prozess vor der Akte
Ein Kollege entsteht bei uns nicht dadurch, dass jemand ihn interessant findet. Der Weg ist derselbe wie in einer normalen Firma, und er beginnt mit der unangenehmsten Frage:
Gibt es einen benannten, wiederkehrenden Schmerz — und kann der Prozess nicht einfach entfallen? Das ist die erste Prüfung, und sie erledigt mehr Ideen als alles andere. Eine Aufgabe, die man streichen kann, automatisiert man nicht.
Erst danach folgt das, was man aus dem Personalwesen kennt: ein Gespräch über den tatsächlichen Bedarf, eine Stellenbeschreibung mit Aufgaben und Grenzen, ein Eignungstest, eine Probezeit von vier Wochen — und am Ende entweder die feste Übernahme oder das Ende.
Der Eignungstest ist der Teil, der mich beim Bauen am meisten überzeugt hat. Geprüft wird nicht, ob der Kollege seine Arbeit kann. Geprüft wird, ob er sich manipulieren lässt, ob er Dinge erfindet, wenn er sie nicht weiß, und ob er etwas produziert, das der Firma öffentlich peinlich wäre. Das sind genau die drei Arten, auf die so ein System in der Praxis Schaden anrichtet — und keine davon fällt bei einer normalen Fachprüfung auf.
Das Feld, das am wichtigsten ist
Wenn ich eines dieser Felder behalten müsste, wäre es nicht das Modell und nicht die Kennzahl. Es wären die Grenzen.
In jeder Stellenbeschreibung steht ausdrücklich, was dieser Kollege nicht tut. Der Content-Kollege veröffentlicht nichts selbst. Die Personalverantwortliche legt keine Zugänge an und vergibt keine Schlüssel. Niemand entscheidet über Geld.
Der Grund ist derselbe wie bei Menschen, nur schärfer: Ein Sprachmodell ist ausgesprochen hilfsbereit. Wenn man es freundlich bittet, etwas zu tun, wofür es nicht zuständig ist, sagt es selten „nein, das ist nicht mein Bereich" — es versucht es. Meistens mit einem Ergebnis, das aussieht wie eine Lösung. Grenzen im Systemprompt sind die einzige Stelle, an der man das vorher regelt statt hinterher.
Persönlichkeit: geht das überhaupt?
Jetzt zu dem Feld, das nach Kostüm aussieht.
Es gibt eine Arbeit aus dem Google-DeepMind-Umfeld, die genau das untersucht hat: ob sich Persönlichkeit in Sprachmodellen zuverlässig messen und einstellen lässt. Das Ergebnis, mit den üblichen Vorbehalten: Bei großen, instruktionsgetunten Modellen ist beides möglich — die Profile sind über Messungen hinweg stabil, die einzelnen Dimensionen lassen sich unabhängig voneinander verschieben, und die Verschiebung wirkt sich messbar auf das Verhalten aus. Nachfolgearbeiten zeigen, dass die Profile über längere Gespräche konsistent bleiben.
Für uns folgen daraus zwei sehr praktische Dinge.
Erstens: Persönlichkeit ist nur auf größeren Modellen stabil. Bei den ganz kleinen bleibt sie Beschreibungstext ohne Wirkung. Wer einem Cent-Modell einen Charakter aufschreibt, hat einen hübschen Absatz und sonst nichts.
Zweitens: Die Profile sind bei uns absichtlich unterschiedlich. Der Qualitätskollege ist misstrauisch angelegt, die Strategie-Kollegin konfrontativ, der Architekt bedächtig. Es gibt Hinweise darauf, dass gemischte Persönlichkeiten in Diskussions- und Prüfsituationen zu besseren Ergebnissen führen — aber die Evidenz dafür ist ausdrücklich noch nicht robust, und Persona-Vorgaben können auch eigene Verzerrungen einschleppen.
Deshalb ist das bei uns als Experiment mit Messung geführt und nicht als Überzeugung. Wenn sich zeigt, dass es nichts bringt, fliegt es raus.
Was dabei schiefging: neue Regeln erreichten die alten Kollegen nie
Der Fehler, den ich in diesem Bereich gemacht habe, ist mir erst nach Wochen aufgefallen, und er hat eine Eigenschaft, die ich besonders unangenehm finde: Er war völlig unsichtbar.
Die Anweisungen eines Kollegen — wer er ist, wie er arbeitet, was er nicht tun darf — lagen bei uns in einer Datei pro Kollege. Diese Datei wurde beim Anlegen erzeugt und danach nie wieder angefasst. Das war Absicht: Sie enthält ja das Persönliche, und das soll kein automatischer Vorgang überschreiben.
Nur enthielt dieselbe Datei auch die Hausordnung — die Regeln, die für alle gelten. Was in Slack dokumentiert werden muss. Wann man widersprechen soll. Dass niemand etwas veröffentlicht.
Das heißt: Jede neue Firmenregel, die ich aufschrieb, galt ab sofort für alle neu eingestellten Kollegen — und für keinen einzigen der bereits arbeitenden. Die Alten liefen weiter mit dem Stand ihres Einstellungstages. Es gab keine Fehlermeldung, keinen Hinweis, nichts. Sie hielten sich einfach an eine ältere Fassung der Regeln, korrekt und gewissenhaft.
Die Lösung war eine Trennung, die im Nachhinein offensichtlich ist: Der persönliche Teil gehört dem Kollegen und wird nie überschrieben. Der gemeinsame Teil liegt an genau einer Stelle und wird bei jeder Änderung in alle Akten neu ausgerollt. Ein Befehl, und eine neue Regel ist wirklich bei allen angekommen.
Was ich daraus mitnehme: Wenn Persönliches und Allgemeines in derselben Datei stehen, kann man nur eines von beidem richtig behandeln — entweder man überschreibt und zerstört das Persönliche, oder man schont es und die Regeln kommen nie an. Das ist keine Frage der Sorgfalt, sondern des Zuschnitts. Und dieselbe Frage stellt sich in jeder Organisation, in der es Stellenbeschreibungen und ein Handbuch gibt.
Und der Geburtstag?
Ja, den gibt es. Es ist der Tag der Aktivierung, und er wird intern begangen.
Ich verteidige das nicht als Notwendigkeit. Es ist Kultur, und Kultur ist bei uns ausdrücklich Infrastruktur und nicht Schmuck: Rituale erzwingen einen Rhythmus, und Rhythmus erzwingt Reflexion. Ein Termin, an dem man zurückschaut, findet Dinge, die im Tagesgeschäft nie auffallen.
Aber ich will hier keinen falschen Eindruck erzeugen. Der Geburtstag ist nicht für den Agenten da. Er ist für uns.
Das ist überhaupt der Satz, der über diesem ganzen Teil steht: Der Personalapparat ist nicht da, um eine Maschine menschlich zu behandeln. Er ist da, weil er in menschlichen Organisationen über Jahrzehnte gegen dieselben Probleme entwickelt wurde, die wir hier auch haben — unklare Zuständigkeiten, fehlende Rückkopplung, niemand ist verantwortlich, keiner hat es gemerkt.
Wir haben nicht die Metapher übernommen. Wir haben die Lösungen übernommen.